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Prähistorische Sensationsfunde in Eching-West

Kategorie: Kultur Veröffentlicht: 07. Juni 2018

Neues Kapitel der 4000 Jahre alten Siedlungsgeschichte aufgeschlagen
Spektakuläre Bodenfunde haben die archäologischen Ausgrabungen im zukünftigen Baugebiet Eching-West ergeben. Diese umfassen eine Zeitspanne vom 3. vorchristlichen Jahrtausend (ca. 2600-2200 vor Christus) über die frühe Bronzezeit (2200 – 1600 v. Chr.) bis ins frühe Mittelalter (1. nachchristliche Jahrtausend).

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Bei einem Ortstermin am 17. Mai auf dem Grabungsgelände konnten sich Interessenten, darunter auch Landrat Josef Hauner, Bürgermeister Sebastian Thaler und viele Echinger Bürger, einen Eindruck darüber verschaffen, wie lange hier bereits menschliche Siedlungen existieren. Und wieder einmal kam dabei ans Tageslicht, dass sich die Gemeinde Eching auf siedlungsgeschichtlich äußerst reichhaltigem Boden befindet. Was dort an der Hollerner Straße gerade von den Archäologen aufgedeckt wird, ist nicht nur sehr umfangreich, sondern sensationell und einzigartig: Zu den Befunden aus dem frühen Mittelalter, der frühen Bronzezeit und den wertvollsten und ältesten aus der so genannten Glockenbecherkultur zählen neben Keramiken kostbare Grabbeigaben aus Gold und Bernstein. Für diesen archäologischen Exkurs in prähistorische Echinger Zeiten standen als kundige „Freiluft-Museums- oder Reiseführer" Martin Pietsch, Gebietsreferent für den Landkreis Freising beim Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, Ausgrabungsleiterin Birgit Anzenberger und Kreisarchäologin Delia Hurka zur Verfügung. Als Fachaufsicht begleitet das Landesamt die an die Grabungsfirma Anzenberger und Leicht vergebene obligatorische wissenschaftliche Voruntersuchung im Auftrag der Gemeinde und der privaten Bauherren, die nach erfolgtem Abtrag der Humusschicht in der befundführenden Kiesschicht äußerst fündig geworden sind. Aktuell registriert sind in den laufenden Grabungen bereits über 1200 nummerierte Befunde. Es könnten bis zu 2000 werden, schätzt Anzenberger.
Dass man auch auf diesem Areal auf archäologische Bodenfunde stoßen würde, stellte keine Überraschung dar und war seit Beginn der 80er Jahre aufgrund der Erkenntnisse der Luftbildarchäologe bekannt. Mit dem Blick aus der Vogelperspektive hatte man damals eine zerstörungsfreie Methode gefunden, die verborgenen Strukturen von oben zu erkennen und sie als eingetragenes Bodendenkmal zu deklarieren. Sogar das archäologisch ungeübte Auge kann erkennen, dass durch die verschiedene Beschaffenheit und Färbung auf dem für die Münchner Schotterebene so typischen steinigen Untergrund „aufgezeichnet" wurde, wo es möglicherweise etwas zu entdecken gibt. Erst wenn alles akribisch erfasst, die beweglichen Bodenfunde gesichert und die ursprünglichen Siedlungsspuren in Text, Zeichnung und Bild für die Nachwelt festgehalten worden sind, wird die denkmalrechtliche Erlaubnis zu einer neuen Bebauung erteilt. Das Ziel dabei heißt, die gewonnenen Erkenntnisse dauerhaft für die Nachwelt zu sichern. Jeder Fund ist wichtig: Ein großer Teil des Materials ist für den Laien unspektakulär; für die Wissenschaft kann aber jeder noch so unscheinbare Fund ein wichtiges Puzzlestück sein, um die Lebenswelt vergangener Zeiten rekonstruieren zu können. „Dreck in Dreck" zu untersuchen, so umschreibt Anzenberger die Hauptaufgabe der Archäologen. Willkommene, fach- und sachkundige Unterstützung leisten seit April mit Alfred Ballauf und Erich Ludwig zwei Experten aus Reihen des von Erwin Neumair (1935-2015) im Jahr 1988 gegründeten renommierten Archäologischen Vereins Freising. "Eine echte Hilfe", so Anzenberger. Schließlich sollen die Ausgrabungen ja nicht dazu führen, dass die geplanten Bauvorhaben sich wesentlich verzögern. In Absprache mit Bauherren und Architekten werden deshalb als erstes verschiedene befahrbare Trassen durch das Gesamtgebiet wieder freigegeben.
Ihren anschaulichen Namen als „Glockenbecherkeramiker" verdanken unsere jungsteinzeitlichen Vorfahren ihren teils kunstvoll verzierten Gefäßen mit der glockenförmig geschwungenen Linienführung. Die ältesten und zugleich spektakulärsten Funde stammen aus dieser Epoche, also dem 3. vorchristlichen Jahrtausend. Groß war das Staunen, als Anzenberger zwei gut erhaltene Gefäße zeigt, die als Grabbeigaben gefunden wurden. Die Gold- und Bernsteinfunde freilich gab es nur im Foto zu sehen: ein aus Goldblech geformtes, am Rand gelochtes Diadem, das vermutlich an einer Art Haube festgenäht war, sowie fein gearbeitete Goldperlen und große Bernsteine, die wohl einmal zu einer Kette gehörten. Die in vorchristlicher Zeit äußerst fachmännisch gefertigten und verzierten Schmuckstücke und Gefäße nötigen großen Respekt vor handwerklichem Geschick und Kunstfertigkeit ihrer Schöpfer ab: „Die waren perfekt, in dem was sie getan haben" so Anzenberger. Der hiesige Goldfund aus der Glockenbecherzeit ist erst der insgesamt vierte in ganz Bayern. „Gräber hat man bisher im gesamten Landkreis nur in Eching gefunden" macht Delia Hurka noch auf ein weiteres sensationelles Detail aufmerksam. 

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Sie hatte einige Anschauungstafeln mitgebracht, um die Sonderheiten der vorgeschichtlichen Kulturen besser verständlich zu machen, beispielsweise ihre Verbreitung und Beerdigungsriten. So ist für die Glockenbecherzeit eine geschlechtsspezifische Ausrichtung der in Hockerstellung in östlicher Blickrichtung bei beigesetzten Toten typisch: die Männer lagen auf der linken Seite mit dem Kopf im Norden, die Frauen genau umgekehrt mit dem Kopf im Süden. Wenig bis gar nichts weiß man über die Lebensweise in der Glockenbecherzeit, weil es kaum Siedlungsspuren gibt. Daneben gehen die Archäologen auch der spannenden Frage nach, wer oder was ist in prähistorischen Zeiten gewandert: die Ware, die Menschen oder die Menschen mit ihrer Ware – sprich ihrer Kultur. Wie nachgewiesen werden konnte, waren die Glockenbecherkeramiker in ganz Europa verbreitet und verfügten ganz offensichtlich über 1000 von Kilometern lange Handelswege.
Die Funde aus der Bronzezeit, eine Gräberreihe, sind nicht gut erhalten. Wenige Knochenreste deuten auch auf zahlreiche Kindergräber und die Grabbeigaben sind rar, Sehr üppig dagegen fallen die Befunde im südlichen Teil der Fläche aus. Dort befinden sich wurden und werden auch noch zahlreiche Grubenhäuser sind dabei, die in den Boden eingetieft meist Handwerksstätten waren. Dazu passt, dass hier Eisen-Schlacken und Reste aus gutem Glas, darunter viele bunte Perlen, gefunden wurden.
Diese Tatsache ist umso interessanter, als in dieser Zeitspanne, zirka ab dem 6. Jahrhundert oder nicht lange danach, vermutlich die noch heute überlieferten Bezeichnungen für die namentlich erhaltenen Ortsteile Eching, Dietersheim und Günzenhausen entstanden sind.
Landrat Josef Hauner jedenfalls ist fasziniert, genau wie die anwesenden Echinger, über die Funde, die eine über 4000 Jahre alte Siedlungsgeschichte auf dem Gebiet ihrer Gemeinde dokumentieren – und damit ein weiteres Steinchen im Mosaik der Vorgeschichte Bayerns. „Da lernt man immer wieder etwas Neues" so der ehemalige Lehrer und Schulrat. Bevor durch die erneute Bebauung im 21. Jahrhundert die vorhandenen Siedlungsspuren final vernichtet werden, werden die Bodenfunde akribisch dokumentiert, und vielleicht, so Bürgermeister Sebastian Thaler, findet sich demnächst im neuen Echinger Rathaus eine Ausstellung mit alten Bechern und anderen archäologischen Funden aus Echinger Flur, ...

Zitat Martin Pietsch vom Bayerischen Landesamt für Denkmalspflege:
„Nirgendwo im Landkreis Freising sind bisher so aufregende Sachen an den Tag gekommen wie an dieser Stelle."

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Bereits zu prähistorischen Zeiten war der Raum um Eching bevorzugtes Siedlungsgebiet, wie die zahlreichen Bodenfunde aus mehr als 30 dokumentierten Grabungen belegen.

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Einen Eindruck von der wissenschaftlichen Handarbeit konnten die Teilnehmer bei der Führung übers Ausgrabungsgelände gewinnen: Runde und eckige Verfärbungen im Kies ebenso wie einige abgesteckte oder durch Fähnchen gekennzeichnete Stellen tragen allesamt Nummern.

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Auf den Spuren der Vergangenheit: Archäologen werten die Funde im zukünftigen Baugebiet Eching-West aus. Freigelegt wurde dabei auch ein Skelett aus dem frühen Mittelalter, sicherlich der spannende Höhepunkt der Exkursion.

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Staunen bei Landrat Josef Hauner und Bürgermeister Sebastian Thaler: Archäologin Birgit Anzenberger zeigt ihnen und den anderen Besuchern beim archäologischen Ortstermin auf dem Grabungsfeld, wie kunstfertig ein Gefäß aus der Glockenbecherzeit gefertigt wurde.

Für Sie berichtete Ulrike Wilms.

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